WILMA, 2025
Leseprobe (Reading Sample, German)
Wir gehen jetzt hier herum,
weil wir sind, was wir sind: Frauen.
Wir gehen also (...),
denn wer fragt danach,
wer oder was wir wirklich sind. (...)
Anfangsworte aus Frauen (2000), in Liebe an Elfriede Jelinek
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Es gibt Häuser, die haben ein Dach, eine Tür, vier Wände mit rings rum ein paar Löchern darin, und fertig. Würde man ein Wort für solche Häuser suchen, würde man sie wahrscheinlich “langweilig” nennen; denn ganz offensichtlich gibt es nichts Langweiligeres als ein eckiges, löchriges Haus, das einfach nur unpersönlich in der Gegend stand. Erstaunlicherweise war es aber das Wort “ordentlich” worauf sich die Leute einigten und deshalb taufte man die Häuser so und nicht anders. “Ordentliche Häuser für ordentliche Leute,” würde einer sagen, der in eben so einem wohnte. Und obwohl man es nicht mit Sicherheit wissen konnte, ließ sich dennoch vermuten, dass in den meisten solcher Häuser deshalb ganz schrecklich langweilige Menschen hausen mussten.
Solche Häuser standen zu Hunderten in der Stadt in der Wilma lebte, alle in Reihe, alle mit demselben nichtssagenden Ziegeldach, alle mit genau gleichen viereckigen Fenstern, aus denen morgens niemand hinaussah, weil die Vorhänge oder die Rollläden, wie es sich gehörte, ordentlich zugezogen waren. Ihre Türen waren immer geschlossen, außer für den kurzen Moment, in dem jemand hinein- oder hinausging, und sollte mal jemand an diesen Türen klopfen, dann wurde zuerst durch das Fenster geluhrt, um sicher zu stellen, vor der Tür stünde kein Verprecher. Ihre Gärten, sofern sie welche hatten, bestanden aus exakt geschnittenem Rasen, auf dem, wie von selbst, nie ein Blatt zu liegen schien, das man hätte ansehen und sich daran erfreuen können. Vielleicht musste man denken, Häuser seien einfach so; weil das schon immer so war. Das ist falsch. Es gab eine Zeit (noch nicht einmal besonders lange her, wenn man in Jahren rechnet, aber doch lange genug, dass sich kaum noch jemand daran erinnerte), da waren die Häuser in dieser Stadt, wie fast überall, reich geschmückt gewesen. Die Hauswände waren mit Bilder versehrt; über den Türen wanden sich steinerne Blätter oder andere Ornamente, unter den Fenstern saßen kleine, lächelnde Gesichter aus Gips, und die Dachrinnen liefen in Drachenköpfen aus, die bei Regen aussahen, als würden sie prusten.
Es klingt wie ein erfundene Geschichte, ist es aber doch passiert. Es kam ein Mann (es heißt, er sei sehr berühmt gewesen, und vielleicht war er das auch), und der nannte diese einzigartigen Verziehrung ein Verbrechen. Ein ganzes Buch hatte er darüber geschrieben, ob man es glaubt oder nicht. In dem stand, all dieser Schmuck sei in Wahrheit gefährlich. Nicht gefährlich so, wie ein Feuer gefährlich ist, oder ein tiefes Wasser. Da wären sich alle einig, dass diese Sachen wirklich gefährlich waren. Gefährlich, sagte er, sei es, weil der Schmuck koste, es koste etwas, das man sich sparen könne.
Er schrieb, ein Haus, das sich schmückte, würde angeblich etwas vortäuschen, als wäre es so, dass ein Haus lügen würde, ja überhaupt könnte, nur weil es ein lächelndes Gesicht über der Tür trug. Die Leute, die das lasen, fanden das zunächst merkwürdig. Aber Sätze, die klug klingen, haben die Angewohnheit, sich zu verbreiten wie ein Schnupfen im Winter, und bald hielt es kaum noch jemand für nötig, seinem Haus eine Persönlichkeit zu lassen. Man klopfte die steinernen Blätter ab, man schliff die Gipsgesichter glatt, ersetzte die prustenden Drachen durch stille, gerade Rohre die zwar keinem gefielen aber billig waren, und mit der Zeit gewöhnten sich alle so sehr daran, dass sie vergaßen, es sei überhaupt einmal anders gewesen.
Die Wände strich man weiß, oder allerhöchstens gelb.
Und auch wenn es einem in den Sinn kommen könnte den Häusern selbst die Schuld zuzuweisen, wäre es doch unrichtig ihnen deswegen böse zu sein, so wie man jemandem böse ist, der aufgehört hat, guten Morgen zu sagen. Dem Mann wiederum kann man aber auch nicht mehr böse sein, ihn selbst gibt es schon lange nicht mehr in diesen modernen Straßen, die nun zwar kaum mehr etwas kosteten, aber auch folglich auch nicht kostbar waren. Und so müsste man eigentlich den Mann selbst Verbrecher schimpfen; hat er eben jene Schönheit verdammt, aber wo er geblieben ist, weiß niemand so genau, und es interessiert auch niemanden mehr sonderlich. Geblieben ist nur seine Anweisung, und die, muss man sagen, hat sich ausgesprochen gut gehalten - viel besser jedenfalls als er selbst.
Die Häuser stehen immer noch genauso schmucklos da, wie er es sich einst gewünscht hatte, ganz so, als würden sie noch immer etwas befolgen, dessen Urheber sie längst nicht mehr sehen können. Das ist überhaupt eine der merkwürdigsten Eigenschaften von Anweisungen. Sie brauchen irgendwann niemanden mehr, der sie gibt, sobald genug Leute sich einmal daran gewöhnt haben, sie zu befolgen. Sie stehen dann einfach so in der Welt herum, wie ein Überbleibsel, das seinen eigenen Ursprung überlebt hat.
Wie dem auch sei.
So kam es jedenfalls, dass die Häuser in dieser Stadt, eines nach dem anderen, aufhörten, etwas über sich selbst Preis zu geben, lange bevor sie aufhörten, Häuser zu sein. Kostbarkeit, wie der Name schon sagt, kostet etwas.
Es ist nämlich so.
Ein Gesicht, und sei es auch nur ein gipsernes über einer Haustür, kann sein Lächeln nicht ewig für sich behalten, wenn niemand mehr da ist, der es erwidert. Es braucht, so merkwürdig das klingen mag, jemanden, der zurücklächelt, sonst verliert selbst das geduldigste Gesicht mit der Zeit die Lust am Lächeln. Und genau das war es, was in Wahrheit geschah, lange bevor der berühmte Mann sein Buch schrieb, und was sein Buch am Ende nur noch bestätigte, wie ein Attest, das eine Krankheit für gesetzlich hält, die längst schon ausgebrochen war.
Die Leute in den modernen Städten hatten, aus lauter Eile oder aus lauter Gewohnheit, ganz allmählich aufgehört, ihre Häuser anzusehen.
Nicht mit Absicht, versteht sich.
Niemand beschließt eines Morgens, ab heute nicht mehr hinzusehen. Es geschieht eher so, wie man vergisst, eine Melodie zu Ende zu summen; man hört mittendrin auf, ohne es zu merken, und irgendwann erinnert man sich nicht einmal daran, dass man das Singen angefangen hatte. Und weil niemand mehr hinsah, hatten die Häuser, ganz von selbst und ohne dass es ihnen selbst befohlen worden wäre, aufgehört, etwas zu zeigen, wofür es sich gelohnt hätte hinzusehen. Das ist überhaupt die einzige Art, Dinge geschehen nicht mit einem Schlag, nicht durch einen einzigen Mann oder einem einzigen Verbrechen, so gern man das später auch erzählt, um jemanden dafür verantwortlich machen zu können. Dinge verändern sich durch tausend kleine, beiderseitige Gewohnheiten des Wegschauens, die sich gegenseitig bestärkten, bis am Ende niemand mehr genau sagen konnte, wer eigentlich zuerst damit angefangen hatte.
Waren es die Häuser, die aufhörten, etwas herzugeben, oder die Menschen, die aufhörten, danach zu fragen?
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Das Schauhaus
Nur an einer einzigen Stelle dieser Stadt, einer Stelle an der zwar normalerweise viele vorbeikamen, aber nie jemand stehen blieb, weil es dort nichts zu erledigen gab, schien das Gesetz der Langeweile noch keinen fruchtbaren Boden gefunden zu haben.
Es könnte vermutet werden, dass nie jemand anhielt, weil es dort schlicht gar kein richtiges Haus zum Abschleifen gab und obwohl es eigentlich ganz in der Mitte einer alltäglichen Straße lag, hörte doch das Kopfsteinpflaster einen Moment auf, gerade zu sein, formte ein übrig gebliebenes, krummes Stück Land, mit einem Haus darauf, das mit alledem nichts zu tun zu haben schien.
Es war das Haus von Wilma.
Nicht nur, dass es viel bunter und merklich schiefer war als alle anderen Häuser in der Straße die es umgab, es hatte, wenn man genau hinsah, merkwürdigerweise unendlich viele Augen. Nicht Fenster, wohlgemerkt, davon hatte es auch reichlich, sondern richtige Augen: Knopfaugen, gläserne Perlenaugen, kleine schwarze Plüschtieraugen, große braune Teddyaugen, Puppenaugen und Giraffenaugen, Augen, die überall an der Fassade des Hauses aufzufinden waren.
Schon von der Straße aus sah man, dass das Haus von Wilma nicht recht zwischen seine Nachbarn passte. Das linke Haus stand so gerade, als habe es Angst, eine seiner Ecken könnte auffallen. Das rechte hatte eine Tür, deren Farbe genau zu den Fensterrahmen passte. Wilmas Haus dagegen neigte sich ein wenig, ohne deshalb umzufallen. Es war ungerade, wo die anderen gerade waren, voller Farbe, wo die anderen weis waren, und übersät mit Dingen die schauten, wo die anderen längst aufgehört hatten, irgendwo über der Tür Gesichter zu platzieren. Man könnte meinen, dass so ein Haus eigentlich berühmt sein musste, stadtbekannt, aber wie schon gesagt wurde, ist es eigentlich nie jemandem aufgefallen, obwohl es mittendrin lag. Es war, das muss an dieser Stelle ausdrücklich gesagt werden, kein unsichtbares Haus. Es gab keinen Zauber, der es vor fremden Blicken verborgen hätte, keinen Nebel, der sich um es gelegt hätte. Wer stehen geblieben wäre, wer auch nur einen einzigen Augenblick lang wirklich hingeschaut hätte, der hätte es sehen können, so deutlich, wie man ein Feuerwerk sieht, das den ganzen Nachthimmel bunt macht.
So kam es, dass Wilmas Haus, obwohl es Tag für Tag eigentlich mitten in aller Augen lag, für die meisten Bewohner der Straße einfach nicht vorkam.
Natürlich ist es etwas merkwürdiges, so ein Haus voller Augen, Wilma jedenfalls hatte tausend Augen und ebensoviele Antworten darauf, warum sie da waren. Denn Wanda war der festen Überzeugung - und sie hatte diese Überzeugung schon so lange, dass sie sich selbst nicht mehr erinnern konnte, wann sie damit angefangen hatte - dass in jedem Ding, und wirklich in jedem, und wenn es noch so klein und liegengelassen und unscheinbar war, schon jemand steckte. Nicht so, wie ein Geist in einem Ding steckt, von dem man in gewissen Geschichten liest.
Eher so, wie in einer Kastanie schon der ganze Baum steckt, obwohl man ihr das, so wie sie daliegt, rund und braun und still, überhaupt nicht ansieht.