Das Dörrhaus, 2025 Leseprobe (Reading Sample, German)
Ah da sind sie ja, die Vögel. Oskar Sala
ERSTENS
Wenn man an die Oma denkt, kann man eigentlich gleich an Kartoffeln denken. Es ist nicht so, dass sie Kartoffel frühstückt, Gottseidank gibt es ja aber noch zwei weitere Malzeiten im geregelten Tagesleben einer Greisin, und in fast allen Fällen ist es deshalb schlicht außer Frage, was bei der Oma auf den Tisch gestellt wird. Faktisch ist die Oma auf Dauerdiät, wie alle guten Frauen. Die Überzeugung, dass schlank gleich gut bedeutet, ist so tief in ihre dünne Haut eingraviert, dass die Oma nicht auf die Kartoffeln, in welcher Form sie auch zubereitet sein mögen, sondern auf das Salz darauf verzichtet. Weil salzlose Kartoffen haben keine Kalorien, davon ist sie fest überzeugt. Kartoffeln haben ca. 86 Kalorien pro 100 Gramm, unabhängig von der Salzmenge. Manchmal, ganz selten, wenn man kurz aufs Klo geht, oder ans Telefon im Hausgang weil es einem die Oma angeschafft hat, kann man vom Hausgang aus erhaschen, wie sie doch ein wenig von den weißen Bröseln auf die gelben Kugeln rieseln lässt, an Samstagen vielleicht, oder Montagen. Es entkäme einem in so einem Moment vermutlich nicht, beim genaueren Betrachten der Schachtelverpackung, dass die Oma immer noch Jodsalz kauf. Man könnte sich jetzt die Autorität zuschreiben, hinzugehen; und ihr das sagen, dass das alles debil ist, man könnte ihr sagen, dass das alles Blödsinn sei, der Glaubenssatz nahezu keine Beweisstücke in eigenen Reihen hervorbrächte, das hieße aber nicht, dass die Oma dann unbescholten anfangen würde, Salzfeten zu schmeißen. Die Oma ist Meisterin so zu tun als hätte sie etwas nicht gehört und wenn sie es einmal nicht ignorieren kann, dann sagt sie, dass Salz eh viel zu teuer sei. Wäre dem wirklich so, würde man sie vielleicht Pfennig-fuchserin schimpfen, dem ist aber nicht so, nicht weil sie es nicht ist, das Salz kostet trotzdem nur 13 cent. Wenn die Oma cent sagt, liegt die Betonung auf dem “C” und macht daraus ein “Z” : Zent. Einer würde vielleicht sagen, das sei kein glückliches Leben, ein so salzloses wie das der Oma, aber was würde sich einer da anmaßen, zu entscheiden, welche Menge Salz ein Leben lebenswert macht, ein Narr wäre ein solch jener, das zu beurteilen. Weil für die Oma jedenfalls macht das Sinn so und für die Oma macht vor allem Sinn, dass nur ihre Sachen sinnvoll sind. Das viele Kartoffeln essen führt unausweichlich zu einem exorbitanten Zeitraum des Kartoffelwaschens; und während sie die Erdäpfel schält, erfindet die Oma oft die Geschichte, dass ihre Schwester sie aufgezogen hätte; ihr das Kochen beigebrachte. Man weiß, dass das so nicht stimmt, man berichtig sie aber auch nicht, warum sollte man auch. Man hat die Schwester eingezogen als die Oma noch nicht mal eins war. Die Oma mag auch Tomaten. Sträucher gab es überall an der Ostfront. Man kann fast meinen, das Gebüsch mag sie so sehr, fast wäre sie selbst zur Erde geworden. Wenn die Oma einmal auf Kur, oder wie sie es nennt im Hotel ist, dann steckt sie alles ein, was man später noch essen kann, was nicht heißt, dass sie es dann später auch essen wird. Das Speckbrot hat die Oma heute noch in der Hand, wenn auch nicht mehr warm. Die Finger der Oma erinnern sich noch an andere Temperaturen, an die Marianne die schon längst nicht mehr da war, um beim Tragender schweren Sachen zu helfen. Die Oma weiß: das sind die gleichen Hände, nicht zum Anpacken, aber zum Streuen. Die Oma kaut auf ihrem salzlosen Leben herum, während draußen die Sträucher wuchern. Kein Vorgang beeinflusst den anderen: Sträucher, und so weiß man, produzieren kein Salz und Salz, so weiß man auch, entziehen der Pflanze Wasser. Die Vergangenheit lässt sich nicht überwuchern, aber verdecken, verstecken, verzerren, begrünen und im schlimmsten Fall so lange wässern, bis sie irgendwann ersoffen ist, die Erinnerung. Irgendwann, da sieht man sie einfach nicht mehr, man fühlt sie zwar, schleckt sie, aber man muss sich ja nicht fragen warum das so Grausig im Mund liegt. Muss man nicht. Am Ende hält man sich vielleicht für einen Busch, einen Strauch der durch jeden Biss in die fade Kartoffel kratzt, durch jeden Blick auf die roten Tomaten spiegelt, das nimmt man hin. Fragen kostet nichts, aber die Oma riskiert auch nichts. Die Marianne spricht von Schlesien wenn sie mal vom klein sein erzählt; dabei ist sie die gesamte Zeit ihrer Infanterie nach Serbien gelaufen. Erst hin, durch Polen, Slowenien, Ungarn und später den ganzen Weg zurück. Als die Marianne ihre Periode bekommen hat stehen die Russen drin. Das Tomatenfeld verwüstet, dazwischen: Die Brut, Blut, Eisen, Erde. Ende. Das Resultat ist, dass die Marianne am Arm der hoch-schwangeren Mutter noch ein weiteres Mal durch Europa rennt. Im Regen zurück; raus aus Serbien, weg vom Hof, dawaj dawaj, Ungarn, Slowenien, Österreich. Zum Kriegsende steht dann das ganze Pack vor der neuen deutschen Grenze; die Mutter von der Oma mit dem Ehemann, drei Großeltern (zwei von der Mutter, einer vom Mann), sechs Kinder. Der Weg war nicht ohne Verlust, noch in Serbien ist die Oma dazugekommen. Da, am gedachten Zaun des Übels und mit hageren Gesichtern, fängt man das Verhandeln an, obwohl der eine nichts hat außer Tränen in den Augen und Blasen an den Füßen. Das Größte hat man der Mutter der Oma abgenommen, dreizehn für gut empfunden Wände wieder aufzubauen. Bauernhof, irgendwie sowas. Dem Rest hat man im Austausch die Baracke gegeben. Baraken sind viereckig, das denkt man sich wohl, weil sich recht viel mehr zu der Zeit nicht gelohnt hat, nicht gerechnet hat und Geld war ja auch keins mehr da nach dem Selbstmord Hitlers. Räume brauchte man nicht, weil man draußen aufs Klo geht und die halbe Sippschaft weggebombt wurde. Übrig bleibt ein halber Raum für fünf Schwestern; ein halber für fünf Erwachsene. Davor waren es mehr, hat mal irgendwer gesagt, zwei Drittel des Regimes verbrachte die Mutter der Oma schwanger. Das Leben war ein Loch in der Wand durch das Kinder krochen. Der Bruder Rudolf ist auf der Deutschlandreise umgekommen, soweit weiß die Oma das, irgendwer anders schon davor, Stillschweigen, eine ist krank geworden. Nach der Oma gab es kein weiteres. Stillschweigen. Sie hätte Dichterin sein können; eine Närrin, am Ende stellte sich heraus sie hält sich raus, wird nichts von beidem, die Oma. Die Marianne dagegen, die hat später was gemacht, Häuser im Dunkeln gebaut, erst eins, dann zwei dann vier. Närrisch war sie nie. Die Oma sagt das zwar nicht, aber die Schwester, die ist eine edle Dame, eine Frau zu der man aufblickt, das sieht man der Oma an, da, wie sie so ihren Kopf biegt. Die Marianne ist als reiche Frau gestorben. Wenn man die Schwester besucht, da im kleinen Vorort neben der Mondscheinsiedlung, gibt es jedes Mal Nudeln mit Päckchen-soßen. (....)